Zweiter Blick: Accessibility Tools auf Webseiten

BarrierefreiheitDarstellungsoptionen



Accessibility Tools für Webseiten und Webauftritte

Bedeutung von Accessibility Tools

Accessibility Tools sind Mechanismen, die ausdrücklich Webseiten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen optimieren oder anpassbar machen.

Keiner dieser Mechanismen wird in einer WCAG Richtlinie vorgeschrieben. In den Technikartikeln zu den WCAG Richtlinien finden sich jedoch vereinzelt Tipps, die zu einem Best Practise führen können.

Das bedeutet aber auch, dass Webseiten weithin ohne spezielle Accessibility Tools auskommen sollten und diese Tools eher in die Kategorie Nice to Have fallen.

Aus der Perspektive der WCAG Konformitätsstufe AA dürften diese Tools jedenfalls kaum notwendig und auf keinen Fall hinreichend für einen barrierefreien Webauftritt sein. Bei der Umsetzung der Barrierefreiheit stehen sie daher weit hinten in der Agendaliste.

Sie sind aber trotzdem nicht unbedingt nutzlos und zwar aus folgenden Gründen:

  • Bestimmte Darstellungsangebote haben sich auf bemühten Webseiten eingebürgert und werden daher immer bekannter und mehr erwartet.
  • Dass viele dieser Funktionalitäten auch in den Browsern durch Konfigurationen oder Mechanismen bereit gestellt werden, kann nicht von Usern als bekannt vorausgesetzt werden.
  • Es gibt nicht immer in den Betriebssystemen oder Browsern einen adäquaten Ersatz für diese Funktionalitäten. Sie bieten daher eine kleine Möglichkeit, sich den Kauf von Assistierenden Technologien zu ersparen.
Icon für Accessibility Tools auf zweiterblick.at

Icon für Accessibility Tools

Als Icon für Accessibility Tools hat sich das Männchen mit gerade oder leicht nach oben ausgestreckten Armen eingebürgert. Dies erscheint umfassender als das Rollstuhlsymbol, das für die bauliche Barrierefreiheit verwendet wird. Insbesondere referiert das Männchen nicht auf eine spezielle Zielgruppe.

Das Icon benötigt natürlich wie jede andere Grafik ein ALT-Attribut, das leer bleiben soll, wenn sich die Bedeutung textuell im Kontext erschließt.

Das Icon sollte sich im Code innerhalb des Links oder Buttons befinden, damit auch ein Klick auf das Icon neben dem Text die Funktion auslöst.

Positionierung der Accessibility Tools

Es nervt und frustriert, wenn man bei der Erarbeitung einer Seite mittendrin draufkommt, dass man es sich auch leichter machen hätte können.

Technisch sollten sich die Accessibility Tools daher ganz weit oben im Code befinden, etwa gleich hinter dem Einsprungmenü. Visuell sollten sie am oberen Bildschirmrand platziert werden, wo man mit einem Vergrößerungsprogramm beginnt, sich eine Seite zu erarbeiten.

Intuitiv würde ich ja diese Tools links oben platzieren. Es hat sich jedoch auf vielen Webauftritten eingebürgert, sie rechts oben darzustellen, weshalb wohl Menschen, die aus eigener Erfahrung nach solchen Tools suchen, wohl auch dort nachschauen werden.

Schriftgrößen veränderbar

Vergrößerungsfunktionen von Browsern

Internet Explorer, Firefox und möglicherweise auch andere Browser haben sich auf einen Standard geeinigt, wie mit der Tastatur die Größe der Elemente verändert werden kann.

Meistens lässt sich auch mit STRG + MAUSRAD die Größe ändern. Allerdings wird diese Funktionalität auch von Vergrößerungsprogrammen verwendet, sodass es bei deren Verwendung unter Umständen zu unerwünschten Effekten kommt (Pixelvergrößerung von Schriften oder Bildern).

Aus diesem Grund soll hier der Quasistandard dokumentiert werden:

Shortcuts für die Größenänderung in Browsern
Befehl Shortcut
Vergrößern STRG + NUM+
Verkleinern STRG + NUM-
Standard wiederherstellen STRG + 0

Auch Smart Phones bieten durch Gesten die Möglichkeit einer raschen Vergrößerung

Vergrößerungsfunktionen auf Webseiten

Vergrößerungsfunktionen für Seitenelemente, insbesondere die Schriftgröße, lassen sich auch für Webauftritte realisieren. Insbesondere Auftritte, die als Zielgruppe explizit Menschen mit Sehbehinderung annehmen, legen häufig einen Wert auf diese Darstellungsoptionen.

Üblicherweise werden diese Vergrößerungsoptionen mittels drei Buchstaben A in unterschiedlichen Größen dargeboten:

A A A

Meines Erachtens haben diese nur für User und Userinnen einen Sinn, die entsprechende Funktionalitäten in ihrem Browser nicht kennen. Sie sind also nicht nutzlos, dienen dieser Gruppe und nützen allgemein zur Bewusstseinsbildung.

Damit sie jedoch tatsächlich einem Zweck entsprechen, sollten folgende Hinweise beachtet werden:

  • Die Vergrößerungsstufen dürfen sich nicht auf drei Stufen reduzieren. Es hat keinen Sinn, in ein Schuhgeschäft zu gehen, in dem ausschließlich die Schuhgrößen 39, 40 und 41 angeboten werden, wenn man Schuhgröße 42 benötigt.
    Anmerkung:
    Die Vergrößerung darf jedenfalls bis zu einem Faktor 200 % zu keinen Darstellungsverlusten führen. Wer über diesen Faktor hinaus vergrößern will, sollte nicht daran gehindert werden, muss sich aber bewusst sein, dass sich Seitenelemente allmählich überlagern oder horizontal aus dem Bildschirm hinauswandern.
  • Der Vergrößerungsfaktor sollte gleich bleiben. Die Vergrößerungsstufen 100 % - 150 % - 200 % unterscheiden sich einmal durch den Faktor 150/100=1,5 und einmal durch den Faktor 200/150=1,33. Ich schlage als Faktor 1,25x vor, was bei einer dreimaligen Vergrößerung zur doppelten Schriftgröße führt.

Farbliche Darstellung des Webauftritts

Bedeutung alternativer Farbdarstellungen

Im Gegensatz zur Browservergrößerung ist die Änderung der Farbdarstellung für User und Userinnen keineswegs trivial. Darstellungsvarianten innerhalb eines Webauftritts können daher für eine größere Zielgruppe von Relevanz sein.

Natürlich gibt es in modernen Browsern Optionen für die Farbdarstellung. Und auch das Betriebssystem Windows bietet den Kontrastmodus, der sich auch auf die Browserdarstellung auswirkt. Allerdings warne ich allgemein vor der Verwendung des Windows Kontrastmodus:

Mit der Verwendung individueller Stylesheets für Browser allgemein habe ich noch nicht experimentiert.

Empfehlungen

Aus meiner Erfahrung aus der visuellen Rehabilitation von Menschen mit Sehbehinderung kann ich folgende Empfehlungen geben:

  • Ein dunkler Hintergrund wird beim Lesen am Bildschirmlesegerät überwiegend bevorzugt. Entsprechende Alternativdarstellungen sind daher auch auf Webauftritten hilfreich.
  • Menschen mit Sehbehinderungen verfügen überwiegend noch über eine Farbwahrnehmung. Eine farbliche Differenzierung von Seitenbereichen sollte daher wie zweckmäßigerweise in der Standarddarstellung auch in einem Inversmodus vorhanden sein.
  • Menschen, die sehr stark blendempfindlich sind, bevorzugen einen dunklen Hintergrund und teilweise sogar reduzierte Kontraste. So kenne ich Menschen mit Albinismus oder Achromatopsie, die etwa grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund eingestellt haben.
  • Ein grellblauer Hintergrund sollte vermieden werden. Blaues Licht verursacht physikalisch am meisten Streulicht, was bei Trübungen der Hornhaut oder Linse im Auge besonders stört.

Fazit

Es kann also zweckmäßig sein, zu einem kontrastreichen Standardfarbschema ein ebenso kontrastreiches Farbschema mit invertierten Helligkeiten für Hintergrund und Vordergrund anzubieten. Auch dieses alternative Farbschema sollte Seitenbereiche und Seitenelemente visuell differenzieren. Ein Low Contrast Schema für stark Blendempfindliche habe ich noch nirgendwo gesehen, außer auf der von mir vor Jahren gestalteten Webseite des BSVT.

Vorlesefunktionen auf Webseiten

Es gibt Tools, die den Inhalt einer Seite vorlesen. Verwendet wird dazu eine synthetische Sprachausgabe, die meist durch ein externes Tool eingebunden wird. An solche Sprachausgaben muss man sich, kann man sich aber auch ziemlich rasch gewöhnen. Immerhin werden sie auch schon an Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln für Durchsagen verwendet.

Solche Vorlesefunktionen können etwa für folgende Personengruppen oder Situationen hilfreich sein:

  • Menschen mit Sehbehinderung, die über keinen Screen Reader verfügen.
  • Menschen mit Leseschwierigkeiten, etwa auf Grund von Legasthenie.
  • Menschen, die sich nebenbei einfach gemütlich etwas vorlesen lassen wollen, sei es auf der Fahrt oder zum Einschlafen.

Zweckmäßig sind Vorlesetools natürlich überwiegend für längere textuelle Bereiche, die keine oder kaum Interaktionen vorsehen oder benötigen. Dazu würde ein Screen Reader benötigt.

Hinweis

Aus der Perspektive der WCAG sind derartige Vorlesetools nirgends gefordert und empfohlen und auf keinen Fall ein hinreichender Ersatz für barrierefreie Inhalte und Funktionalitäten! Entsprechend sind sie auf keiner mir bekannten Beispielseite für Best Practise zu finden. Niemand soll jedoch gehindert werden, ein Vorlesetool zu verwenden, solange die Konformitätskriterien der Stufe AA erzielt sind.