Zweiter Blick: Redaktionelle Aufgaben

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Redaktionelle Aufgaben

Bedeutung der redaktionellen Barrierefreiheit

Wenn der technische und grafische Rahmen eines Webauftritts auf Barrierefreiheit hin optimiert ist, beginnt das redaktionelle Design. Um Inhalte barrierefrei zu realisieren, bedarf es auf redaktioneller Seite eines Grundverständnisses für Webtechnologien und einer Kompetenz für verständliche Sprache. Erst dadurch können die Prinzipien der Bedienbarkeit und Verständlichkeit aus den WCAG gewährleistet werden.

Technisches Grundverständnis

Auch die redaktionell Verantwortlichen müssen Grundkenntnisse zu HTML aufweisen. Sie müssen wissen, welche Elemente es gibt und was mit Attributen gemacht werden kann.

Beispiel für einen HTML Code

<p lang="en">Hello World!</p>

Typischerweise werden HTML Elemente von einem einleitenden und schließenden Tag gebildet. In unserem Beispiel handelt es sich um einen gewöhnlichen Absatz (Paragraf):

<p>Hello World!</p>

Im einleitenden Tag befindet sich zudem ein LANG-Attribut, mit dem die natürliche Sprache des Elements festgelegt werden kann. In unserem Fall ist es Englisch ("en"). Dadurch ändert sich am Bildschirm gar nichts, ein Screen Reader würde durch diese Sprachkennzeichnung aber auf eine englische Sprachausgabe wechseln.

In einem TITLE-Attribut kann man nun zusätzlich auch gleich eine Übersetzung anbieten. Diese wird beispielsweise beim Überstreichen mit der Maus als Tooltipp eingeblendet:

<p lang="en" title="Hallo Welt!">Hello World!</p>

Und so erscheint dieser Code grafisch und technisch:

Hello World!

Semantisches versus grafisches Markup

HTML ist die Abkürzung für Hyper Text Markup Language. Es ist also keine Programmiersprache, sondern eine Kennzeichnungssprache. Mit Kennzeichnungen wird also an Browser und Assistierende Technologien weitergegeben, was ein Element ist und mittels Attributen werden zusätzliche Informationen und Funktionalitäten für das Element festgelegt.

Für das Barrierefreie Webdesign ist die Unterscheidung zwischen grafischem und logischem oder semantischen Markup von Bedeutung.

  1. Grafisches Markup wirkt sich nur auf die Darstellung am Bildschirm aus.
  2. Semantisches Markup wird von Browsern für die visuelle Darstellung interpretiert, aber auch von Assistierenden Technologien.

Beispiel Hervorhebung von Elementen

Sehen wir uns am Bildschirm die grafische Darstellung der folgenden Listeneinträge an:

  1. Hervorhebung mittels <b> (bold) - Tag
  2. Hervorhebung mittels <strong>-Tag

Browser werden beide Listenelemente ziemlich in der gleichen Schriftgröße und fett darstellen. Das Beispiel A ist jedoch nur grafisch gekennzeichnet, während das Beispiel B semantisch hervorgehoben ist.

Die Unterscheidung hat besonders gravierende Auswirkungen auf eine mangelnde oder missbräuchliche Verwendung des Tags für Überschriften (<h1> - <h6>). Für die Navigation mittels Assistierender Technologien können nur Elemente mit dem entsprechenden Markup für Überschriften verwendet werden. Was bloß größer oder fetter ist, wird nicht als Überschrift erkannt.

Blockelemente und Inline-Elemente

Semantische Elemente in HTML lassen sich zwar nicht ganz sauber, für das Verständnis aber doch grob in solche unterscheiden, die einen kleinen Abschnitt umspannen (Blockelemente) und solche, die innerhalb eines Blockelements auf Textabschnitte angewendet werden können (Inline-Elemente).

Blockelemente exemplarisch

Folgende HTML-Blockelemente sind typische Beispiele mit Relevanz für Barrierefreies Webdesign:

Für Blockelemente gelten grundsätzlich folgende Regeln:

  1. Was wie der Typ des jeweiligen Blockelements aussieht, muss im Markup auch als solches realisiert sein.
  2. Was im Markup als ein spezifisches Blockelement realisiert ist, muss semantisch auch tatsächlich dem jeweiligen Typ entsprechen.

Inline-Elemente exemplarisch

Folgende Inline-Elemente-Elemente sind typische Beispiele mit Relevanz für Barrierefreies Webdesign:

Textuelle Anforderungen

Zielgruppenorientierung

Es empfiehlt sich, bei der Formulierung der Inhalte an die Zielgruppe zu denken. Methoden des Usability Engineering können dabei helfen, etwa das Persona – Konzept, bei dem man sich eine für die Zielgruppe typische Figur ausdenkt, für die dann die Formulierungen gewählt werden.

Sprachniveau

Es gibt eine sechsstufige Klassifikation zum Sprachniveau eines Textes bzw. zur Verständniskompetenz der Lesenden. Die Spanne reicht von Klassifikation A1, was nur marginale Sprachkompetenz bedeutet bis zu C2, wonach auch Fachartikel außerhalb der eigenen Fachkompetenz noch verstanden werden. In den meisten Fällen wird sich als Zielgruppe B1 empfehlen, also Menschen, die Boulevardmedien verstehen können.

Texte in einfacher Sprache („Leicht Lesen“) fallen wohl am ehesten in die Kategorie A2. Solche Texte erleichtern nicht nur Menschen mit Lernbehinderungen das Textverständnis, sondern auch allen, die Texte in einer Fremdsprache verstehen müssen. Auch der Gastprofessor aus Italien freut sich, wenn er mit seinen marginalen Deutschkenntnissen die kommunalen Angebote auf dem Webauftritt seiner Gaststadt verstehen kann.

Wortwahl

Neben dem Texting, also der Formulierung von Texten, ist auch auf das Wording zu achten, also die Auswahl der richtigen Ausdrücke. Die Ausdrücke sollten verständlich und allgemein gebräuchlich sein.

Das bedeutet nicht immer, dass auf Fachausdrücke verzichtet werden muss. Im Gegenteil kann es für Fachleute sehr verwirrend sein, wenn Fachausdrücke nicht verwendet werden. In einem philosophischen Artikel wird wohl der Fachausdruck Ontologie angemessen sein und nicht der Versuch, die Bedeutung des Fachausdrucks in einfachen Worten wiederzugeben.

In jedem Fall sollten Ausdrücke innerhalb eines Webauftritts konsistent verwendet werden. Wie schwer das ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Auf zweiterblick.at werden Sie die Ausdrücke Anforderungen, Empfehlungen, Richtlinien und Aufgaben in Kontexten finden, in denen sie praktisch synonym verwendet werden, was eben nicht konsistenter Wortgebrauch ist. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir im Deutschunterricht gelernt haben, in Aufsätzen nicht ständig die gleichen Ausdrücke zu verwenden. Im Webdesign kann genau dies aber erforderlich sein.

Überschriften (richtig) einsetzen

Webseiten werden kaum wie ein Roman von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. Meist werden sie diagonal auf der Suche nach Detailinformationen überflogen.

Webseiten sollten daher durch Überschriften das diagonale Lesen erleichtern. Dazu müssen sie den folgenden Abschnitt inhaltlich gut zusammenfassen. Damit auch bei der Nutzung von Screen Readern dieses diagonale Lesen möglich ist, müssen die Überschriften semantisch mit dem entsprechenden Markup für Überschriften versehen sein.

Übersetzungen in fremde Sprachen

Für Seitenbereiche, die von bestimmten Zielgruppen ohne deutsche Muttersprache von Relevanz sind, sollten Übersetzungen überlegt werden. Das ist zwar ein einmaliger Aufwand, erspart einem Betrieb aber mittelfristig Ressourcen der Mitarbeitenden.

Fremdsprachliche Seitenalternativen können empfehlenswert sein, weil Gäste im Tourismus, Menschen mit Migrationshintergrund oder GastreferentInnen gelegentlich auch Menschen mit Behinderungen sind.

Ähnlich wie bei Seiten, die parallel in einfacher Sprache angeboten werden, kann auch das fremdsprachliche Angebot je nach Priorität nach und nach entwickelt werden. Ob die Sprachalternativen sich auf die Weltsprachen oder relevante Sprachen auf Grund von Migrationsbewegungen konzentrieren, ist individuell abzuwägen.

Sensorische Inhalte

Bedeutung der Wahrnehmbarkeit

Texte auf Webseiten werden normalerweise in textueller Form realisiert. Das heißt, dass sie als Text im Quellcode zu finden sind. Auf diese Weise können Texte von Browsern und Assistierenden Technologien grafisch, akustisch mittels Sprachausgabe und sogar taktil mittels Braillezeile wahrnehmbar gemacht werden.

Anders ist das bei nicht textuellen Seitenbereichen, Bildern, Videos oder Audiodateien. Für Menschen, die diese Inhalte nicht mit den Augen und Ohren wahrnehmen können, bedarf es Mechanismen, die auf die vorhandenen Sinneskanäle abzielen.

Am sichersten geht man, wenn man zu den multimedialen Inhalten textuelle Alternativen bereitstellt. Diese können am besten maschinell durch Assistierende Technologien für die unterschiedlichen Sinneskanäle wahrnehmbare Inhalte bereit stellen.

Darüber hinaus gibt es für bestimmte Personengruppen Mechanismen, die die Wahrnehmung sehr erleichtern, manchmal auch erst möglich machen. Das sind Gebärdenvideos für Gehörlose oder Audiodeskription für Menschen mit Sehbehinderung.

Bilder brauchen Beschreibungen

Wer ein Bild visuell nicht wahrnehmen kann, benötigt eine Beschreibung, um zu wissen, was auf dem Bild ist. Aber auch sonst ist es zum Verständnis eines Bildes oft hilfreich, wenn eine Beschreibung zur Verfügung steht.

Sie finden eine umfangreichere Einführung in die Bedeutung und den Einsatz von Bildern auf folgender Seite:

Eine zentrale Möglichkeit zur Beschreibung bietet das ALT-Attribut, in dem ein Alternativtext so knapp wie möglich und so ausführlich, wie nötig, den Inhalt des Bildes beschreiben soll. Ich habe dazu eine Übungsdatei erstellt:

Videos zum Sehen und Hören

Bedeutung von Videos

Videos bestehen in der Regel aus visuellen und auditiven Inhalten. Ist einer dieser Sinneskanäle beeinträchtigt, kann relevante Information an den vorhandenen Sinneskanal übergeben werden.

Untertitel

Gesprochene Informationen können von Gehörlosen oder in lauter Umgebung nicht wahrgenommen werden. Videos sollten daher über Untertitel verfügen oder zumindest über die Möglichkeit, Untertitel einzublenden.

Audiodeskription

Was auf Videos zu sehen ist, ist für Blinde gänzlich und für Sehbehinderte in unterschiedlichem Ausmaß nicht wahrnehmbar. Sie können zwar gesprochene Texte und Geräusche hören, Inhalte, die nur visuell transportiert werden, entgehen ihnen jedoch.

Um rein visuelle Informationen in Videos für Nicht-Sehende oder bei ungünstigen Lichtverhältnissen wahrnehmbar zu machen, wurde das Konzept der Audiodeskription entwickelt. Während im ursprünglichen Video keine gesprochenen Texte vorkommen, erklärt eine Stimme, was gerade passiert und für das Verständnis des Videos von Relevanz ist. Einige Fernsehfilme bieten bereits auf einem zweiten Kanal solche Audiodeskriptionen an, wo Sie sich die praktische Realisierung schon einmal am eigenen Leibe vorführen lassen können.

Audiodeskriptionen sind für Videos dann erforderlich, wenn sie für das Verständnis der Inhalte unerlässlich sind und die Inhalte nicht anderwärtig in textueller Form auf der Webseite verfügbar sind.

Gebärdenvideos

Für viele Gehörlose, die die Gebärdensprache erlernt haben, ist die Gebärdensprache ihre Muttersprache, in der sie Inhalte am besten verstehen. Sie sind daher froh, wenn relevante Inhalte auch auf Gebärdenvideos verfügbar sind.

Auditive Inhalte

Reine Audiodateien gibt es selten auf Webseiten. Relevante Inhalte müssen für Gehörlose trotzdem in Textform verfügbar sein.

Seiten zum Download von Hörbüchern können sich in der Regel wohl darauf berufen, dass die Inhalte analog und meist auch digital erhältlich sind und müssen die Inhalte nicht parallel in Textform anbieten. Bei Hörspielen oder Radiofeatures kann das schon wieder anders aussehen.

Empfehlungen

Empfehlungen für redaktionell Verantwortliche

  1. Den Redaktionen sollte zusammen mit den Betreibern einer Webseite klar sein, für welche Zielgruppe(n) die Webseiten gedacht werden. Entsprechend werden dann Formulierungen und Ausdrücke gewählt.
  2. Personen, die redaktionelle Inhalte erstellen dürfen, sollten über ein technisches Grundverständnis zum HTML Markup verfügen.
  3. Redaktionen müssen von der Technik einfordern, dass ihnen ein Framework geboten wird, das zur Barrierefreiheit möglichst beiträgt.
  4. Was wie der Typ des jeweiligen Elements aussieht, muss im Markup auch als solches realisiert sein. (Überschriften, Listen, ...)
  5. Was im Markup als ein spezifisches Element realisiert ist, muss semantisch auch tatsächlich dem jeweiligen Typ entsprechen. (Überschrift, Liste, Zitat, ...)
  6. Überschriften sollten oft, mit aussagekräftigem Text und in einer korrekten Hierarchie eingesetzt werden.
  7. Wer Inhalte einpflegen darf, muss über den adäquaten Einsatz von Bildern und dafür erforderlichen Alternativtexten Bescheid wissen.
  8. Videos müssen mit Untertiteln verfügbar sein oder der Inhalt der Videos muss in einer textuellen Version angeboten werden.
  9. Videos sollten daraufhin geprüft werden, ob deren akustische Informationen für das Verständnis ausreichen, oder ob Audiodeskriptionen oder eine textuelle Alternative erforderlich sind.
  10. Audiodateien sollten daraufhin geprüft werden, ob für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen eine textuelle Alternative zweckmäßig ist.
  11. Wer Webtexte einpflegen darf, sollte wissen, welche Inline-Elemente es gibt und wie sie eingesetzt werden sollen.
  12. Wer Webtexte einpflegen darf, sollte wissen, wann man ein TITLE-Attribut benötigt und wie es textlich und technisch eingebunden werden soll.
  13. Ausdrücke und Formulierungen sollten innerhalb eines Webauftritts möglichst konsistent verwendet werden.
  14. Betreiber und Redaktionen sollten überlegen, welche Seiteninhalte parallel in leichter Sprache angeboten werden sollten.
  15. Betreiber und Redaktionen sollten überlegen, welche Seiteninhalte parallel mit Gebärdenvideos angeboten werden sollten.
  16. Betreiber und Redaktionen sollten überlegen, welche Seiteninhalte parallel in Fremdsprachen angeboten werden sollten.
  17. Entscheidungen über das Sprachniveau, zu verwendende Ausdrücke und Ähnliches sollten in einer Redaktionsanleitung gesammelt werden.